Hütet Euch vor dem „türkischen Modell“

Religiöse Orthodoxie ist ein Schönheitswettbewerb, bei dem immer der hässlichste Typ gewinnt.

Soner ÇağaptayEine Kolumne von Soner Cagaptay; Übersetzung von JJPershing

Das sogenannte türkische Modell, bei dem eine islamistische Partei eine angebliche Demokratie führt, wurde in den vergangenen Wochen als wahrscheinliche Regierungsform in den post-autoritären arabischen Ländern propagiert. Wahrscheinlich, ja; aber die Erfahrung der Türkei unter der AKP zeigt auch, dass ein solcher Weg auch eine Rutschbahn sein könnte.

Die AKP hat wohl nicht vor, einen fundamentalistischen Staat in der Türkei zu errichten, aber die konservative Politik der Regierungspartei könnte unbeabsichtigterweise genau dazu führen. Seit Jahren verändert die AKP die türkische Gesellschaft, indem sie die Religion zum moralischen Kompass der Politik des Landes macht.

Das heißt nicht, dass die AKP die Türkei in eine Theokratie verwandeln möchte.

Das Problem hingegen ist, dass wenn erst einmal der eng definierte Glaube das Leitprinzip der Politik wird, Fundamentalisten, die für sich die ideologische Reinheit beanspruchen, auf der politischen Bühne zunehmend konkurrenzfähig werden. Ihre Forderungen nach einer noch strengeren Installation von religiös fundierten Regeln und Werten lösen einen ideologischen Reinheits-Wettbewerb aus und bergen das Risiko, die türkische Gesellschaft in die Radikalisierung zu treiben.

Die Geschichte lehrt uns, dass Fundamentalisten die Konservativen in jedem Wettbewerb um ideologische Reinheit besiegt haben.

Im elften Jahrhundert haben die religiös konservativen Almoraviden das islamische Königreich in Andalusien übernommen, insbesondere weil dieses relativ liberal und fortschrittsfördernd war und in gewissen Grenzen auch Nichtmuslime akzeptierte. Mit der Übernahme Andalusiens zementierten die Almoraviden ihre strenge Interpretation des Islam als den moralischen Kompass der Gesellschaft.

Aber der Konservatismus der Almoraviden wurde sehr bald von noch fundamentalistischeren Moslems als zu lasch angesehen.

Die Almohaden begehrten gegen die vermeintliche „Toleranz“ der Almoraviden auf und ihre Übernahme in Andalusien radikalisierte die Gesellschaft, was dann zur Verfolgung von Nichtmuslimen und Religionskriegen führte.

Die Islamisierung der Türkei durch die AKP droht, wenn auch subtiler, dem gleichen Muster zu folgen. Doch die Förderung der religiösen Werte durch die AKP ist nicht das größte Problem der türkischen Sekularisten.

Die größere Bedrohung, nachdem die AKP die Religion in das Zentrum der türkischen Gesellschaft gerückt hat, ist, dass religiöse Fundamentalisten einen Freischuss haben, die AKP als „zu unislamisch“ herauszufordern.

Bereits im vergangenen November musste die AKP den Chef der Diyanet, Ali Bardakoglu, feuern und durch Mehmet Gormez ersetzen. Während Bardakoglu seine Imame auf ein liberaleres Verständinis des Islams trainieren wollte, schwört Gormez auf einen deutlich konservativeren Islam.

Die erste Amtshandlung des neuen Diyanet-Chefs war es, Ayse Sucu zu feuern, welche die Frauenorganisation in der Religionsbehörde leitete. Eine von Sucu’s Initiativen beinhaltete den Vorschlag, dass Frauen selbst entscheiden dürften, ob sie ihr Haar bedecken oder nicht. Fundamentalistische Experten und Medien waren über ihren Rauswurf geradezu ekstatisch und leiteten daraus ab, dass es eben keinen Spielraum für persönliche Interpretationen des Islam gebe.

Intern hat die AKP religiös konservative Werte gefördert, wie das Tragen des Kopftuches oder die Ablehnung von Alkohol. Türkische Beamte und Geschäftsleute bemängeln, dass das Beachten solcher Praktiken zum Beweis, dass jemand ein „guter Moslem“ sei, zu einer Voraussetzung für Staatsaufträge und Beförderungen geworden sei.

Unterdessen hat die Medienüberwachung der AKP einen TV-Sender für das Ausstrahlen einer Sendung über Suleyman den Prächtigen gerüffelt, in welcher dieser wahrheitsgemäß beim Alkoholkonsum gezeigt wurde. Die offizielle Verwarnung folgte einem öffentlichen Aufschrei durch sowohl AKP-Führer und Fundamentalisten, welche verlangten, dass die Sendung abgesetzt werden müsse. Radikale haben also nun die Macht, langsam aber sicher die Raki-Kultur der Türkei zu beenden.

Ein anderes Beispiel ist die Kurden-Politik der AKP. In ihrem Versuch, ihre Basis bei den Kurden zu verbessern, betont die Partei den Islam als gemeinsamen Nenner von Kurden und Türken. So will die AKP die Unterstützung der Kurden für die säkulare Kurdisch-Nationalistische Partei unterminieren.

Der Plan könnte der AKP durchaus helfen, die kommenden Wahlenzu gewinnen.

Andererseits könnte sie auch eine Einladung an religiöse Radikale wie z.B. die kurdische Hisbollah darstellen, eine extremistische sunnitische Gruppierung (nicht mit der libanesischen schiitischen Hisbollah zu verwechseln), die sich schon eines weitgespannten Untergrund-Netzwerks in der südöstlichen Türkei rühmt.

Dank eines legalen Schlupfloches wurde die Führungsspitze der Hisbollah kürzlich aus dem Gefängnis entlassen, in welchem sie seit einer Razzia in den späten 1990ern einsaß. Die Islam-Betonung der AKP könnte sehr wohl dazu führen, dass die säkular-nationalistische kurdische Bewegung durch eine religiös-nationalistische ersetzt wird. Und von der Hisbollah ist zu erwarten, dass sie weder die AKP noch die Diyanet als islamisch genug akzeptieren wird, um die Kurden zu repräsentieren.

Die Veränderungen in der Türkei bedeuten auch schlechte Nachrichten für die USA und Europa.

Die potentielle Radikalisierung der türkischen Bevölkerung ist eine sehr dringende Angelegenheit, auch unter dem Gesichtspunkt, dass die Türkei erst kürzlich Visa-Restriktionen für einige islamische Staaten aufgehoben hat, darunter so illustre Staaten wie Iran, Syrien, Jordanien und Libyen. Was auch immer in diesen Staaten passiert, die Reisefreiheit wird die Vernetzung unter den radikalen Gruppen bis in die Türkei erleichtern. Washington sollte Pläne in der Schublade haben, wie sie mit radikalen Kräften umgehen wollen, die sich gegen die Kooperation der AKP mit den USA wenden werden, besonders in Afghanistan.

Die gestärkten Radikalen der Türkei werden sich sicherlich auch mit der EU-Politik der Regierung in Ankara befassen, ein Thema das sowieso schwer problembehaftet ist.

Mit der großen Zahl der türkischen Migranten in Europa wird sich die Radikalisierung der türkischen Gesellschaft, insbesondere der Kurden, in Europa wiederholen.

Die religiöse Neigung der AKP, für sich allein schon beunruhigend genug, kann leicht außer Kontrolle geraten. Die Lektion der Erfahrung mit der AKP für die arabische Welt und wahrscheinlich Regierungen unter der Muslimbruderschaft ist, dass religiöse Orthodoxie ein Schönheitswettbewerb ist, bei dem immer der hässlichste Typ gewinnt.

Soner Çağaptay ist Leiter des Turkish Research Program am Washington Institute for Near East Policy

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Eine Antwort zu Hütet Euch vor dem „türkischen Modell“

  1. JeanJean schreibt:

    Guter Artikel. Er beschreibt die Zwangsläufigkeit der Radikalisierung in den Unterzeichner Ländern der Kairoer Erklärung.
    Wir sehen die gleiche Entwicklung in unterschiedlicher Geschwindigkeit in allen einstmals moderaten islamisch dominierten Gesellschaften. Durch die in der im Koran ausdrücklich geforderten „religiösen “ Gewalt muss stets der radikalste Teil der Umma die Macht erringen. Dia Anerkennung der Scharia als Quelle des Rechts setzt diese „Kernschmelze“ in Gang.
    Leider sind unsere smarten Eliten nicht fähig oder willens diesen simplen Mechanismus zu begreifen.
    Gruß JeanJean

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